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Psychosomatik · Der Natural State

Was der Körper behält, wenn der Kopf weitermacht

Es gibt Dinge, über die man hinweggeht und die trotzdem bleiben.

Christian Beer·10 Min. Lesezeit

14:40. Du hast die News zweimal durchgescrollt, und es stand nichts drin. Unter dem Brustbein sitzt etwas, das da nicht hingehört. Leise. Und jeden Tag.

Das ist dein Herz. Es will woanders hin als in diesen Nachmittag.

Du hast irgendwann gelernt, dass es weitergeht. Dass man wegsteckt und morgens trotzdem aufsteht. Das hat einiges gerettet und hat einen Preis: Dein Kopf kann etwas abhaken, das dein Körper noch offen hat.

Der Körper führt Protokoll

Der Kiefer, der nachts mahlt. Die Schultern, die schon oben stehen, bevor der Tag anfängt. Der Nacken, der immer auf derselben Seite zieht. Der Bauch, der sich meldet, sobald eine bestimmte Nummer auf dem Display steht.

Diese Anspannung im Körper hat eine Geschichte: Sie ist übrig geblieben aus Momenten, in denen du etwas gehalten hast – eine Enttäuschung, eine Angst, einen Satz, den du geschluckt hast. Muskeln, die lange halten, verlernen das Loslassen.

Was nicht zu Ende gehen durfte, wartet.

Der Fachbegriff dafür ist psychosomatischpsyche für Seele, soma für Körper. Das Wort wird oft benutzt, um zu sagen: Da ist nichts. Es sagt das Gegenteil. Da ist etwas, und es hat einen Ort.

Wie vereist – der Widerstand um dein Herz

Geh eine Ebene tiefer als der verspannte Nacken. Darunter liegen die emotionalen Widerstände: die Schichten, die sich über Jahre um das gelegt haben, was dir am meisten bedeutet.

Sie fühlen sich an wie eine Umschlingung, als läge etwas eng um dein Herz. Wie vereist. Du erkennst es daran, dass du genau weißt, was du eigentlich willst, und trotzdem nicht drankommst. Die Sehnsucht ist da. Der Zugang ist zu.

Diese Schicht ist einmal aus gutem Grund entstanden und geblieben, lange nachdem das Wetter sich gedreht hat.

Eis geht unter Druck nicht auf. Es geht auf durch Wärme und durch Zeit.

Darum geht es beim langen, rhythmischen Atmen: ums Auftauen. Ruhiger wirst du dabei nebenbei.

Warum ausgerechnet der Atem

Bleibt die Frage, wie du an eine Schicht herankommst, die tiefer sitzt als jeder Vorsatz. Fast alles, was dein Körper von allein regelt, ist für dich verschlossen: Blutdruck, Verdauung, Herzschlag. Dafür ist dein vegetatives Nervensystem zuständig – der Teil von dir, der all das regelt, ohne zu fragen.

Es gibt genau eine Ausnahme. Dein Atem läuft ohne dich, und du kannst ihn trotzdem jederzeit übernehmen. Er ist die einzige Stelle, an der du von Hand an ein System herankommst, das sonst ohne dich arbeitet.

Der Atem ist deine Tür dorthin.

Warum Reden allein oft nicht reicht

Über etwas zu sprechen erreicht den Teil von dir, der Sprache versteht. Vieles von dem, was festhängt, sitzt tiefer – in Reflexen, in Muskelspannung, in Reaktionen, die abgelaufen sind, bevor du sie bemerkst. Ein Zugang über den Körper geht dorthin, wo das Wort nicht hinkommt.

Atmen ersetzt dabei keine Therapie. Was groß ist, gehört in professionelle Begleitung – zwei Türen in denselben Raum.

Aus dem Herz. Durch das Herz. Als das Herz.

Wie du diese Tür benutzt, steht in zwei Zeilen.

Aus dem Herz. Durch das Herz. Als das Herz. Lange, entspannte, kohärente, rhythmische Atemzüge.

Drei Schritte, die du in einer langen Session nacheinander durchläufst.

Aus dem Herz. Du legst deine Aufmerksamkeit in die Mitte deines Brustkorbs und lässt den Atem dort losgehen. Am Anfang führst du ihn selbst. Das ist Arbeit, und sie darf sich so anfühlen.

Durch das Herz. Nach zehn, fünfzehn Minuten kippt es. Der Atem läuft von selbst, du hältst nur noch den Takt. Wenn du langsam und gleichmäßig atmest, koppelt sich dein Herzschlag daran: schneller beim Einatmen, langsamer beim Ausatmen. Der Fachbegriff dafür ist respiratorische Sinusarrhythmie – das natürliche Schwanken des Herzschlags im Takt des Atems. Von innen wird der Brustkorb weit. Der innere Kommentator wird leiser, und es tauchen Bilder auf, Erinnerungen, manchmal ganz alte.

Als das Herz. Irgendwann fällt der Abstand weg. Es ist keiner mehr da, der atmet – es atmet. Diesen Punkt kann man schwer erklären und leicht wiedererkennen.

Solange du zwischen den Polen unterwegs bist – oben und unten, innen und außen, greifen und bereuen –, hältst du beide Enden fest und die Spannung dazwischen. Vom Herzen aus zu atmen nimmt dich da heraus. Das ist mit Einheit gemeint: eine Stelle in dir, an der nichts gegen etwas anderes steht.

Drei Stufen, eine Leiter

Die Formel beschreibt, was geschieht. Die drei Stufen sind der Weg dorthin, und jede trägt die nächste.

1
Meditativ. Allein, zu Hause, jederzeit. Du beginnst bei vier Sekunden ein und fünf Sekunden aus und wirst von dort immer langsamer, bis hin zu 23 ein und 24 aus. Die Ausatmung ist dabei immer eine Sekunde länger als die Einatmung.
2
Rhythmisch. Der Atem findet einen gleichmäßigen Takt und hält ihn über eine lange Zeit. So läuft die Session am Freitagabend.
3
Transformational. Derselbe Atem, mit einer Stimme, die mitgeht. Jemand hält den Takt für dich und bleibt da, während sich etwas löst.
Ein
4
Sekunden am Anfang
Aus
5
Sekunden am Anfang
Ein
23
Sekunden ganz unten
Aus
24
Sekunden ganz unten

Die dritte Stufe ist der Grund, warum es diese Abende gibt. Zehn Minuten ruhiges Atmen bringen dich in einen entspannten Zustand, fünfundvierzig Minuten geführtes Atmen bringen dich woandershin. Am Küchentisch hältst du den Takt, solange dein Kopf mitspielt – und in dem Moment, in dem etwas aufgeht, hört man allein auf. Eine Stimme, die weiterführt, ist der Unterschied zwischen Übung und Reise.

Wie du liegst, wie du sitzt

Die häufigste stille Frage vor dem ersten Mal. Hier ist die ganze Antwort.

1
Such dir eine von drei Möglichkeiten. Aufgerichtete Wirbelsäule. Oder zurückgelehnt und entspannt. Oder flach auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf – auf dem Boden gern eine Decke über dich.
2
Beine leicht auseinander. Die Hände liegen zu Beginn mit den Handflächen nach oben.
3
Danach ist jede körperliche Bewegung erlaubt. Laute, Dehnungen, Befreiungen, Entspannungen. Dein Körper darf sich nehmen, was er braucht.
4
Das Ziel bleibt die ganze Zeit dasselbe. Von Atemzug zu Atemzug entspannter atmen, rhythmisch und kohärent. Kohärent heißt hier: Ein und Aus gehen gleichmäßig ineinander über, in einem Takt, den du halten kannst.

Das Kribbeln in den Händen

Zwei Dinge passieren auf diesem Weg regelmäßig, und beide überraschen. Das erste ist körperlich: Die Hände kribbeln, die Finger ziehen sich zusammen, manchmal auch der Mund. Es fühlt sich an, als liefe etwas schief.

Es läuft alles richtig. Beim kräftigen Atmen gibst du mehr Kohlendioxid ab, als gerade nachkommt. Kohlendioxid steuert unter anderem, wie leicht dein Blut den Sauerstoff ans Gewebe abgibt und wie weit deine Gefäße stehen. Sinkt es, reagieren die Nerven empfindlicher – genau das kribbelt.

Es geht von selbst zurück, sobald der Atem ruhiger wird, und in einer geführten Session ist es eingeplant. Wer das vorher weiß, erschrickt nicht – und wer nicht erschrickt, kann bleiben.

Fast alles, was in einer Reise unangenehm wird, wird es nur, weil man nicht wusste, dass es kommt.

Warum manche beim Atmen weinen

Das zweite hat direkt mit dem Eis zu tun. Es kommt vor, dass jemand mitten in einer Session anfängt zu weinen – ohne Anlass, ohne Bild, ohne sagen zu können, worum es geht. Und genauso kommt es vor, dass jemand anfängt zu lachen.

Beides ist dasselbe: Etwas, das gehalten wurde, hört auf, gehalten zu werden. Manchmal mit Tränen, manchmal mit Lachen, manchmal mit einem tiefen Seufzer und sonst nichts. Das ist das Auftauen, von innen erlebt.

Du musst dabei nicht wissen, wovon die Tränen handeln. Der Körper bringt hier etwas zu Ende, wofür er deine Deutung nicht braucht. Er braucht die Erlaubnis, einen Raum, in dem es niemanden stört, und eine Stimme, die ruhig bleibt.

Deshalb funktioniert es online so gut. Du liegst in deinem eigenen Zimmer, niemand sieht dich, und es gibt keinen Saal, vor dem man sich zusammenreißt.

Von der Sucht über die Sehnsucht

Damit sind wir bei dem, was dich hierhergebracht hat. Schau einmal ehrlich hin, wonach du greifst. Der Kaffee am Morgen, das Glas am Abend, das Scrollen um halb zwölf, der Zug auf dem Balkon.

Die Frage darunter ist die interessante: Wonach greifst du eigentlich? In den allermeisten Fällen ist es dasselbe – ein Moment, in dem der Druck nachlässt. Ein Zustand, in dem für kurze Zeit nichts fehlt.

Sucht und Sehnsucht klingen wie ein Gegensatzpaar. Es sind zwei Namen für dieselbe Bewegung: das Greifen nach genau diesem Zustand. Der eine Name beschreibt den kürzesten Weg dorthin, der andere den, der wirklich hinführt – durch dein Herz.

Der Natural State

Am Ende einer Session liegen die meisten still da und wollen erst mal nichts sagen. Fragt man später, wie es war, kommen fast immer dieselben Wörter: weit, klar, leicht, bei mir.

Es gibt kein Hoch, von dem du wieder herunterkommst, und keinen Kater am nächsten Tag. Es ist der Zustand, in dem nichts fehlt, und genau deshalb so schwer zu beschreiben. Du erkennst ihn an dem, was still geworden ist: kein Ziehen, kein Kommentar im Hintergrund, kein Griff nach dem Nächsten.

Dabei ist er jedes Mal anders. Deshalb heißt er Natural State: Er ist schon da und kommt zum Vorschein, sobald das Eis für eine Weile weg ist.

Wer den Zustand kennt, muss ihn nicht mehr kaufen.

Und dann? Die Herzenswünsche

Das ist die Frage, die nach so einem Abend übrig bleibt. Sie beantwortet sich in den Tagen danach.

Wenn das Eis weicher wird, kommt zuerst Kleines hoch: Herzenswünsche, die Dinge, die du wolltest, bevor du vernünftig wurdest. Jemanden anrufen, mit dem du seit zwei Jahren nicht gesprochen hast. Eine Sache hinschmeißen, die längst nicht mehr passt. Etwas anfangen, das du dir dreimal ausgeredet hast.

Nimm ein paar davon ernst, und sie ordnen sich. Aus einzelnen Wünschen wird ein Bild davon, wie dein Leben aussehen könnte: ein Herztraum. Und dann kommt der Teil, der Zeit braucht – diesen Herztraum zu leben.

Der Atem ist die Tür. Dahinter liegt Persönlichkeitsentwicklung im schlichtesten Sinn: dass dein Leben Stück für Stück dem ähnlicher wird, was dein Herz die ganze Zeit wollte. Du bist selbst der Zugang zu dem, was du bisher außen gesucht hast.

Einmal im Monat, an einem Freitagabend, gehst du diesen Weg mit jemandem, der ihn kennt.

Wann du vorher fragen solltest

Geführtes, intensives Atmen ist für die meisten Menschen unproblematisch. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Epilepsie, Schwangerschaft, Netzhautablösung, schweren psychischen Erkrankungen oder akuten Krisen gehört es vorher ärztlich abgeklärt – derselbe Respekt vor dem, was da passiert, der die Sache überhaupt wirksam macht.

Einmal im Monat

Freitagabend, 20:00. 45 Minuten langsames, kohärentes und rhythmisches Atmen – geführt, von Anfang bis Ende. Online, von überall. Nur deine Kopfhörer und du.

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